Die Japaner und ihre Essgewohnheiten mögen für die westliche Welt oftmals etwas befremdlich wirken. Manches mal mag man sich geradezu fragen, ob die Japaner besonders komplex konzipierte Geschmacksnerven besitzen, die es ihnen ermöglichen, all die feinen Nuancen zu bemerken, die unseren barbarischen, von - per Klischee - Bier, "Sausage" und Sauerkraut verdorbenen Gaumen verborgen bleiben...
Tja, und dann gibt es da noch die Realität, die einen manchmal etwas zweifeln läßt, und man sich dann fragt, ob das alles nur Show ist, um die Gaijin zu beeindrucken. Warum ich eine derart dreiste Behauptung aufstelle? Das ist schnell erklärt:
Es ist wieder soweit, ich befinde mich mal wieder in einem Isakaya, in einem Stadtteil in West-Osaka, der nichts mit dem bunten Getümmel in Namba oder Umeda gemein hat. Nakanishi sagt mir, daß er hier in den 30 Jahren, die er hier lebt, noch nie einen Ausländer hier gesehen hat, und ich vermutlich der erste Deutsche bin, der seinen Fuß auf diese Straße setzt, jene Gasse durchschreitet, oder durch diesen Tunnel geht. Kurz gesagt: das ist "true japan", unverblümt, so wie es fernab der Tourismus-Branche aussieht. Die Häuser sind klein, die Strassen sind schmal, überall ist es ungewöhnlich still, und nur wenige Leute treiben sich um 8 Uhr abends noch auf der Straße herum. Es ist ganz anders als das, was ich bisher gewohnt bin, hat aber auch einen ganz eigenen Charme.
Erste Station des heutigen Abends: der Kanji-Master. Wir betreten ein kleines Haus und gehen hinauf in den ersten Stock. In einem kleinen Raum, der übersät ist von Papieren mit mystischen Schriftzeichen, die an die geisterhaften Siegel aus alten Samrai-Filmen (oder moderner: Animes) erinnern. Alles ist still, und wir betreten ehrfürchtig den Raum. In der einen Ecke kniet ein braver Schüler, der 15 Minuten lang damit beschäftigt ist, 8 Kanjis zu ... tja, zu malen? Zu schreiben? - Zu üben. 15 Minuten - 8 Kanjis. Das nenne ich Ausdauer. In der anderen Ecke des Raumes sitzt der "Kanji-Master", wie Nakanishi ihn nennt. Es ist schwer vorstellbar, doch wenn man ihm zusieht, wie er mit Schwung die Kanji auf's Papier bringt, wird man unweigerlich mit Ehrfurcht vor dieser Kunst erfüllt. Die Kunstwerke sind weitaus mehr als bloße Schrift, sie bekommen durch den Meister eine "Seele" - auch wenn das jetzt etwas pathetisch klingen mag. Nach der ersten Verwunderung beginne ich, diese Kunst zu begreifen; die Ruhe und die Kraft, die in ihr steckt.
Unter dem kritischen Auge des Meisters dürfen auch wir uns mit dem Pinsel bewaffnen und ein paar Kunstwerke fabrizieren. Nakanishi kann es sich nicht verkneifen, sein 花 (Blume) mit einer kleinen Blüte zu verzieren, hat aber sofort nach Vollendung seines Werkes Angst, sich jetzt den Unmut des Meisters zugezogen zu haben. Natürlich sind unsere Versuche in keinster Weise mit den Stücken des Profis zu vergleichen, aber wir haben alle unseren Spaß, und auch bei aller Ehrfurcht ist es nicht verboten zu lachen. Yu-chan's 気 ist sehr gut gelungen, wie ich finde. Es wirkt weniger kalligraphisch, aber doch sehr schön, und mir tut es in der Seele weh, zu sehen, wie es auf dem Stapel für Papier landet, der nur zum Abtupfen der Tinte von den "echten" Kalligraphien landet... Meinen Traum 夢 hätte ich eher dort gesehen, und abermals frage ich mich, wieviel von dem Lob der Japaner um mich herum echt ist, und wieviel Talent wirklich in mir schlummert.
Danach ziehen wir weiter ins Izakaya - natürlich nicht, ohne uns mehrfach mit unseren Nasenspitzen bis zum Boden zu verbeugen und dem Meister für seine Zeit zu danken und uns beim Schüler für die Störung zu entschuldigen. Das Izakaya ist klein, aber gemütlich, und jeder scheint dort jeden zu kennen. Ich beginne, Nakanishi zu glauben, daß ich der erste Deutsche hier bin - ich fühle mich ein bißchen wie im Zoo, nur auf der anderen Seite der Glasscheibe. Bisher dachte ich, das "Starren" sei Kindern und Senioren vorbehalten - scheinbar haben Japaner im Bezug aus Ausländer die gleiche Narrenfreiheit. Aber alle sind ausgesprochen freundlich - kein Wunder: ich bin ja in Japan! - und ich fühle mich sehr schnell sehr wohl in dieser lustigen Runde. Irgendwann habe ich plötzlich einen neuen Spitznamen: Michael. Scheinbar der typische Namen, den man als Ausländer zu haben hat.
Wie im Izakaya üblich, bestellen wir unzählige Kleinigkeiten, um unsere knurrenden Mägen zu füllen. Wie so oft gibt es dabei haufenweise Köstlichkeiten, die auf den ersten Blick nicht zu entziffern sind. Wie allerdings in Japan üblich, wird mir bei allem versichert: "Its herrshi" (= "It's healthy!"). Da ich beim Essen eigentlich extrem unkompliziert bin, verspeise ich fröhlich alles, was mir vorgesetzt wird. Dennoch bin ich neugierig, und um Überraschungen zu vermeiden frage ich dennoch immer zuvor, was ich hier als nächstes Verspeise. Manche Sachen sind mir einfach fremd - überfahrenen und ausgedörrten Tintenfisch esse ich normalerweise eher selten - und andere Sachen kann man nicht erkennen, da die Japaner eine Vorliebe dafür haben, alles zu panieren oder zu frittieren, und auf kleine Spieße zu stecken: Fisch, Mais, Wiener, Kartoffeln, Kniescheiben von Hühnchen, Spargel, Kartoffeln, und wer weiß was nicht noch alles.
Als ich das erste Mal mit Nakanishi im Izakaya war, fragte ich auch, was das panierte Essen dort in der Schale ist. "Chicken, Chicken" war die Antwort - und umso größer die Überraschung, als ich meine Zähne darin versenkte: 「中西!魚です!」 - 「ああ、本当だ!」 ("Nakanishi! Das ist FISCH!" - "Hä? Oh, tatsächlich.") Damals habe ich mich bereits sehr darüber amüsiert, um heute erneut vor einer undefinierbaren Speise zu sitzen und zu räseln, worauf mir Yu-Chan versichert: "Chicken, chicken". Und abermals ist die Überraschung groß: 「ゆうちゃん!豚です!」 - 「ああ、本当だ!」 ("Yu-Chan! Das ist SCHWEIN!" - "Hä? Oh, tatsächlich.") Ich amüsiere mich köstlich, und stelle fest, daß für die Japaner scheinbar die Präsentation wichtiger ist, als der Geschmack. (Merkwürdig, diese Theorie läßt keinen Raum für die Daseinsberechtigung von Nattô - was weder gut aussieht, noch schmeckt. Zumindest am Anfang - inzwischen mag ich die vergorenen Sojabohnen sogar wirklcih gerne.) Letzlich gilt wohl immer noch das wichtigste: "Its herrshi!"
Zugegeben, meine Einleitung mit "das ist schnell erklärt" war - ob der langen Vorgeschichte - wohl ein bißchen irreführend. Jedoch war der ganze Abend etwas besonderes, weswegen ich ihn in meiner Ausführung einfach nicht auslassen konnte.
Guten Appetit!
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