Ich sitze mit Nakanishi in einem Restaurant, daß mit europäischen Speisen und Getränken wirbt. Wir aber lassen uns das Bier aus Osaka schmecken, sowie Sashimi, Nankotsu, Tamago, Edame, und andere typisch japanische Kleinigkeiten, während wir auf die anderen warten. Die Location ist allerdings ziemlich gemütlich, nur der arme Nakanishi wird auch abends um halb 10 noch von seinem Handy terrorisiert, da die Leute in der Arbeit noch seine Hilfe benötigen. Live erlebe ich das Schauspiel von guter Miene zum bösen Spiel, während der sichtlich gestresste Nakanishi brav und höflich alle auch so spät noch eingehenden Anfragen beantwortet.
Japan, das Land der Arbeit, läßt seinen Einwohnern keine Ruhe, weswegen auch leider die anderen, die noch kommen wollen, absgagen müssen. Masatake ist der einzige, der es noch geschafft hat, vorbei zu kommen, während die anderen im geschäftigsten Monat des Jahres, dem März, brav ihren Dienst für die Firma verrichten. Also ziehen wir zu dritt weiter. Heute werde ich ein weiteres Puzzle-Teil der japanischen Kultur kennenlernen. Wir machen uns auf zum カラオケ (Karaoke)!
Wir buchen uns einen Raum, in dem wir unsere Kehlen und Ohren malträtieren können. Eine Stunde kostet pro Person 1000 Yen, was aber als Gutschrift auf die Getränkekarte gilt. Wohl mit ein Grund, warum Japaner so gerne diesem Hobby frönen, da sie es wirklich lieben, als Ausgleich zu der ganzen Plackerei hemmungslos zu feiern. Aus einem riesigen Repertoire suchen wir uns verschiedene Lieder aus. Ich bin etwas überfordert, da mir spontan nichts einfällt, was ich singen möchte. Und das Stöbern aus einem Katalog, der dicker ist als die "Gelben Seiten" macht die Sache nicht gerade einfacher.
Nakanishi beginnt mit ein paar Serienhits und singt die Titellieder zu GTO (反町高橋 ・ Poison) und Dragonball, der berühmtesten Anime-Serie in Japan (und vielleicht sogar weltweit). Diese Art Songs würden mich zwar auch reizen, jedoch wäre ich leider überfordert, die japanische Schrift schnell genug entziffern zu können, um dabei auch noch mitzusingen. Schließlich stolpere ich über "The Offpring - Self Esteem", was zwar schon uralt, aber mir wenigstens bekannt ist, und innbrünstig gebe ich meine Gesangskünste zum Besten.
Reihum singen wir die verschiedensten Lieder, und lassen uns reichlich mit Cocktails, Würstl und Pommes und angebackenem Käse verköstigen. Der Abend wird immer später, wir werden immer lustiger, und unsere Hälse tun immer mehr weg. Besonders beeindruckt bin ich davon, daß Nakanishi auch die ganzen englischen Lieder zum Besten gibt, ohne jedoch die leiseste Ahnung zu haben, was er da eigentlich gerade singt. Er konzentriert sich lediglich auf die Katakana, was so ist, als würden wir etwas in einer uns unbekannten Fremdsprache vorlesen, und uns dabei nur an der Lautschrift orientieren. "... batto donto rukku bakku in angaa ai haado yuu sei..." Ich bin beeindruckt und amüsiert zugleich.
Den krönenden Abschluß findet der Abend in einer kollektiven Darbietung von "We are the world", in der wir drei Künstler alle musikalischen Tricks hervorzaubern, und von Barry White bis zu Chris Rea das ganze Stimmrepertoire abdecken. Die Zeit vergeht wie im Flug, aus der geplanten Stunde sind schnell zwei geworden, und wir erwischen gerade noch den letzten Zug nach Hause, heiser, leicht angetrunken, und völlig ausser Atem. Nun habe ich also auch diese Bastion der japanischen Kultur kennengelernt, und ich bin gespannt, was sonst noch so auf mich zukommen wird...
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