Unglaublich, heute regnet es nicht, und sogar die letzte Nacht war trocken. Der Himmel ist klar, und der Preis dafür ist eisige Kälte. Zumindest in meiner Kühlschrank-Wohnung. Ich werfe noch einen kurzen Blick auf Google Maps und mache mich auf den Weg. Der グランキューブ大阪 ("Grand Cube Osaka") sollte eigentlich relativ leicht zu finden sein. Wie jeden Tag freue ich mich: die Lage ist einfach unbezahlbar genial! Ich packe mich also dick ein und mache mich auf den Weg.
Sowie ich meine Wohnung verlasse und auf die Strasse trete, werde ich angenehm überrascht: der Himmel ist blau und das Wetter ist sonnig. Der Wind ist zwar frisch, oder eher kühl, aber es ist ein freundliches, angenehmes Wetter. Bei meinem 100 Yen Lawson um die Ecke hole ich mir noch schnell ein Onigiri für den Abend und laufe weiter nach Norden.
Gestern habe ich von Yûko-chan eine Einladung bekommen, mit auf das スキマスイッチ Konzert zu gehen. Die Band ist scheinbar ziemlich berühmt, aber ich habe noch nie von ihnen gehört. Da ich aber Musik und Konzerte liebe, nehme ich die Einladung natürlich freudig an und verbrachte den ganzen gestrigen Tag damit, mir die Musik der Band auf Youtube anzuhören. Natürlich nur in den Lernpausen...
Nach nur rund 20 Minuten komme ich an dem imposanten Gebäude an. Yûko-chan schreibt mir, daß Junko-chan bereits drinnen im Café im 5. Stock wartet, und sie gleich nachkommen wird. Ich fahre mit dem Aufzug nach oben und suche sie. Als ich ihr schreiben will, findet sie mich, und gemeinsam warten wir auf Yûko.
Sie kommt an, und wir holen uns unsere VIP-Backstage-Ausweise. Vitamin-B öffnet einem einfach jede Tür, und ich bin gespannt, was mich erwartet. Wir betreten also den riesigen Saal, und ich bin sprachlos. Die Größe ist enorm, und ich denke dabei nicht an ein Konzert, sondern habe eher das Gefühl, mich in einer Oper oder einem riesigen Theater oder Kino zu befinden.
Der Saal ist schon gut gefüllt, und wir nehmen unsere (großartigen) Plätze an. Direkt neben uns sitzt ein berühmter Comedian aus Osaka, was wir aber erst dadurch bemerken, daß plötzlich reihenweise Leute zu ihm stürmen und ihn ehrfürchtig und herzklopfend begrüßen, bevor sie sich ungläubig wieder entfernen. Jedoch auch meine beiden Begleiterinnen wissen nicht, wer er ist. Daher schlage ich vor, daß wir auch einfach hingehen sollten und ihm sagen, daß wir uns freuen, ihn hier zu treffen und kennenzulernen...
Als die Lichter ausgehen, warte ich vergeblich auf die von begeisterten Schreie, Rufe und Pfiffe, die ich von Konzerten in Deutschland gewöhnt bin, wenn die gespannte Menge durch ihren Jubel die Band auf die Bühne ruft. Nicht so natürlich im gesitteten Japan. Ehrfürchtige Stille erfüllt die Räumlichkeiten, alle sitzen brav auf ihrem Platz und warten auf den Beginn der Show. Während ich mich noch wundere, ob das die reguläre Konzert-Atmosphäre ist, kommt die Band auf die Bühne, und mit dem ersten Ton gehen die Lichter an. Wie auf Kommando stehen alle - und zwar wirklich alle! - auf und beginnen rhythmisch zur Musik zu klatschen. Die Menge ist begeistert von der Band und agiert als eine große, gut koordinierte Masse. Ich blicke mich um und sehe tausende Japaner, die im Gleichtakt in die Hände klatschen, vom サラリーマン im Anzug bis zum ギャル im Minirock und hohen Stiefeln. Nicht einer fällt aus der Reihe, wie Zinnsoldaten stehen sie aufgereiht vor ihren Sesseln und begleiten die Musik. Trotz dieser befremdlich wirkenden Einheitlichkeit sind alle ehrlich begeistert und genießen die Musik.
Besonders fällt mir ein Mädchen auf, die ihre Freude kaum zügeln kann. Ab der ersten Sekunde ist sie mit Leib und Seele dabei, winkt, klatscht und tanzt zur Musik, und es ist eine wahre Freude, diese ansteckende Glücklichkeit zu sehen und zu spüren.
Ungewöhnlich empfinde ich die absolute, abwartende Stille, die sich zwischen den Liedern einstellt. Nachdem der Applaus abgeklungen ist, könnte man vermutlich eine Stecknadel fallen hören, bis der erste Ton des nächsten Liedes erklingt, und die Menge wieder tobt. Nach der ersten Stunde gibt es eine längere Musik-Pause, während der der Sänger ein bißchen erzählt und sich mit dem Pianisten unterhält. Die beiden bilden die Stars der Band und sind die Vorzeige-Gesichter. Jede seiner Geschichten wird vom Publikum mit Lachen, Klatschen, Gelächter und Begeisterung belohnt. Ich gebe mir die größte Mühe, verstehe aber maximal 1% dessen, was uns der Sänger zu sagen hat. Er beginnt seine Ansprache mit einem schnellen "O'g'mas!" - zumindest ist das alles, was ich höre. Das Publikum lacht und ich frage Yûko-chan, was so lustig ist. Was ich nur als ein wie aus der Pistole geschossenes 「おごます!」 gehört habe, war eigentlich ein 「おはようございます!」 ("Ohayô gozaimasu!"), wovon ich allerdings nur die Hälfte heraushören konnte. Aber nun verstehe ich auch, warum das Publikum erheitert ist, wenn er uns abends um 8 Uhr mit "Guten Morgen!" begrüßt.
Danach geht das Konzert noch etwa eine Stunde weiter. Als sich der Saal leert, werden wir abgeholt, um die Band backstage zu treffen. Mit ein paar anderen, aufgeregten Fans warten wir auf die Band und wechseln ein paar Worte mit ihnen. Die Atmosphäre hat weniger den Flair einer Band, die nach ihrem Auftritt backstage noch ein bißchen chillen kann, sondern wirkt eher noch wie eine kleine Pressekonferenz, bei der der Sänger und der Pianist brav der aufmerksam lauschenden Gruppe Rede und Antwort stehen.
Alles in allem kann man sagen, daß es ein sehr interessantes Konzert-Erlebnis war. Mit vielen neuen Eindrücken gehe ich nach einem sehr unterhaltsamen Abend voller schöner Musik und guter Laune nach Hause. Habe ich schon erwähnt, daß die Lage meiner Wohnung genial ist?
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