Samstag, 13. März 2010

Home Sweet Home

Heute ist Shopping-Tag. Ein weiteres Mal werde ich für Mayumi den Fremdenführer in "meiner" Stadt spielen, und ihr nochmal zeigen, wie die shotengai oder america mura aussehen, wenn es dort mit Leben gefüllt ist. Letztes Mal war nämlich leider alles wie ausgestorben.



Das Wetter ist mild, dennoch fallen  nach kurzer Zeit ein paar Tropfen vom Himmel, die uns aber nicht weiter stören. Zufällig habe ich gestern ein Kapsel-Hotel entdeckt, als ich auf dem Heimweg war. Als ich Mayumi davon erzähle, weiß sie nicht, wovon ich spreche, und abermals frage ich sie, ob sie sich sicher ist, Japanerin zu sein. Da Kapselhotels immerhin weltberühmt für Japan sind, muß ich natürlich diese Wissenslücke schließen.


Ich erinnere mich zurück: Als ich das erste Mal mit Tobi in Japan war, hatten wir eine nicht-verplante Nacht und mußten überlegen, wo wir unterkommen können. Obwohl uns beide die Erfahrung gereizt hat, einmal in einer solchen Kapsel zu übernachten, haben wir uns letztlich doch für ein Ryokan entschieden, und den traditionellen Stil dieser modernen, aus Platzmangel entstandenen Errungenschaft vorgezogen.


Das amerikanische Viertel sprüht vor Leben. Die Geschäfte sind alle geöffnet, zahlreiche Leute tummeln sich auf den Straßen, und auch der Ausrufer, der seinen Schmuck und seine Uhren per Megafon anpreist ist da. Ich habe Mayumi bereits von ihm erzählt, und sie ist völlig überrascht von dem ganz anderen Bild, daß sich ihr hier nun bietet - war doch das letzte Mal alles geschlossen und der gesamte Platz wie leergefegt.


Wir laufen noch ein wenig kreuz und quer durch das Viertel, um den Flair in uns aufzusaugen. Während ich ein Fahrrad mit ungewöhnlich dicken Reifen bewundere, bemerkt Mayumi einen Club, der so manchem bestimmt heimische Gefühle vermittelt. Wahrlich eine "Träumerei", obwohl ich angesicht des pulsierdenden Lebens um uns herum dem "Untertitel" nicht wirklich zustimmen kann...


Weiter geht es zur Dotombori Shotengai, einer riesigen und sehr berühmten Einkaufspassagen in der Nähe von Namba - und damit, praktischerweise auchg anz in der Nähe meiner Wohnung. Was für eine Lage...
Gedrängt wie die Sushi-Rollen in einer Bentobox schieben wir uns langsam durch die vielen, lauten und bunten Geschäfte mit der Masse vorwärts. すしすめ!Wir kommen an dem Geschäft vorbei, wo ich gestern köstliche Ramen gegessen habe, und ich natürlich möchte ich auch diesen Laden zeigen. Der Laden ist wieder gut besucht, allerding war ich gestern nur von Chinesen umringt, die auf mein 「すみません、ここで座ってもいいですか?」 (im Übertragenen Sinne ungefähr: "Entschuldigung, ist hier noch frei?") nur mit verwirrten Blicken reagiert haben. Dennoch: ausgesprochen lecker! Die Chinesen wissen eben auch, was gut ist.


Ich amüsiere mich darüber, daß ich als Gaijin hier den Fremdenführer spiele, und freue mich an Mayumi's Begeisterung. Was für mich schon Alltag ist, löst bei ihr mitunter großes Erstaunen aus, und sie ist überwältigt von den Menschenmassen. Als wir über die Brücke kommen, bin auch ich überrascht: die Menschen stehen in einer ewig langen Schlange für etwas an, ordentlich von Polizisten-ähnlichen Beamten geordnet und geregelt. Welcher Celebrity treibt sich  hier gerade herum und verursacht diesen Menschenauflauf? Die Antwort ist für uns unvorstellbar: Der Ansturm gilt dem zweiten H&M Laden in Japan, der hier gerade eben in Osaka aufgemacht hat. Für die Japaner ein echtes happening, und Mayumi erzählt mir, daß alle Freunde, die sie in München besucht hatten, auch unbedingt zum H&M gehen wollten. Merkwürdige Touristenattraktion, wie ich finde.


Schließlich kommen wir mal wieder bei meinem Lieblings-100-Yen-Shop an. Ich möchte noch ein wenig Deko-Krims-Krams für meine Wohnung kaufen, um die kahlen Stellen ein wenig zu schmücken. Nach einem kurzen Abstecher zu den Fotodruckern - meiner Kamera habe ich glücklicherweise dabei - besorge ich mich also Klebeband und eine Pinnwand-Tafel. Nun kann ich endlich auch hier meine Wände mit meinen Freunden verzieren, wie ich es von zu Hause gewohnt bin. Schließlich habe ich den Shopping-Trip lang genug ausgedehnt, bis es dunkel wird, da ich noch das wahre Gesicht von america mura bei Nacht zeigen möchte.


Auf dem Rückweg machen wir dort also nochmal kurz Pause und genießen einfach ein wenig die Atmosphäre. Gleich ein ganz anderer Eindruck, wenn die Lichter leuchten, die Anzeigentafel Musikvideos und ander Unterhaltung präsentiert, und die Geschäfte noch geöffnet haben und voll mit Kunden sind. Bevor es zurück nach Hause geht, machen wir noch einen Abstecher in den Supermarkt, um für's Abendessen einzukaufen. Ich entdecke ein merkwürdiges Regencape, was dort verkauft wird, und frage, um was für ein skurriles Kostüm es sich dabei handelt.


Bei genauerem Hinsehen leuchtet mir die Erklärung ein: es handelt sich nicht um ein Regencape, sondern einen Umhang, der die Haare beim Schneiden auffängt. Ganz schön einfallsreich, diese Japaner...
Wir besorgen noch schnell die nötigen Sachen, die wir brauchen: heute gibt es leckere selbstgemachte Okonomiyaki, von meiner pesönlichen Chefköchin frisch zubereitet.


Während sie kocht, kümmere ich mich um meine neuesten Errungenschaften und mache mich ans Werk, mein Zimmer wohnlicher zu machen. Es ist zwar nicht viel, aber ich freue mich über die Anschaffung, da das Fenster gleich nichtmehr so kalt wirkt. Es wird von Tag zu Tag wirklich immer heimelicher hier...

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