Das Wetter ist trüb, und ich frage mich, ob ich mir den richtigen Tag für diese Aktion ausgesucht habe. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr, ich will endlich eine fertige, voll funktionstüchtige Wohnung haben! Glücklicherweise gibt es einen kostenlosen Shuttle-Bus, der von Namba direkt zum Ikea fährt, und abermals - wie eigentlich jeden Tag - freue ich mich über die geniale Lage meiner Wohnung. Außerdem ist Mayumi extra vorbei gekommen, um mich zu begleiten und mir ein bißchen zu helfen. Wir laufen also wie immer nach Namba und fragen uns dort durch. Im Maklerbüro springen gleich fünf Angestellte auf und begrüßen uns, und wollen uns am liebsten gleich jeder eine Wohnung verkaufen. Daß ich nur den Weg zum Ikea-Bus erfragen möchte, ist auch nicht weiter schlimm, und alle wollen mir gleichzeitig Auskunft geben. Die Verwunderung darüber, daß der Gaijin das Wort an die Japaner richtet, anstatt seiner einheimischen Begelitung, steht den Leuten ins Gesicht geschrieben, was mich natürlich amüsiert. Ich bedanke mich höflich und gehe weiter in die angegebene Richtung. Noch einmal beim nächsten Parkplatzwächter nachgefragt, und kurz darauf sehen wir bereits den Bus vor uns.
Die Fahrt zum Ikea dauert ca. 20 Minuten. Dort angekommen stelle ich fest, daß er sich kaum von unserem Ikea unterscheidet - und vermutlich auch kaum von allen anderen auf der Welt. Einziger Unterschied sind natürlich die Kanji und Kana, die inmitten all dieser schwedischen Möbel irgendwie befremdlich wirken.
Ich versuche mir vorzustellen, wie ein Billy und ein Poäng und ein Hurvinek (oder wie sie alle heißen mögen) sich wohl in einem traditionellen, japanischen Tatami-Zimmer machen, und scheitere kläglich andem verzerrten Bild, das dabei entsteht. Mayumi klärt mich auf, daß Japaner ohnehin nicht so sehr auf Tatamitzimmer stehen, sondern den westlichen Stil vorziehen, was ich wiederum überhaupt nicht nachvollziehen kann. Scheinbar liegt es in der Natur des Menschen, immer das zu wollen, was man nicht hat. 信じられない!
Es ist wirklich lästig, sich einzudecken, wenn man nur drei Monate Zeit hat, um die Sachen auch zu nutzen, sie danach aber alle nicht mitnehmen kann. Meine Erfahrungen mit dem 100 Yen Shop haben mich gelehrt, daß sich auch kleine Beträge schnell zusammenläppern können, und so wäge ich wohl ab, was ich wirklich brauche, und was nicht. Natürlich fällt mir dies schwer angesichts der vielen günstigen Angebote. Im Ikea gibt es wirklich vieles, was man zwar vielleicht nicht unbedingt brauchst, was aber doch gaz nett wäre. Aber schnell mal 499 Yen hier, 799 Yen dort, wird schnell zu einem kleinen Vermögen, und so versuche ich mich also auf's Wesentlichste zu beschränken. Wer braucht schon Messer und Gabeln? Hey, ich bin in Japan, und mit Stäbchen habe ich mich bereits eingedeckt. Lediglich bei den Schüsseln bin ich "dekadent" und entscheide mich gegen die mausgrauen Schüsseln vom Ikea für 59 Yen bzw 89 Yen, und beschließe, doch lieber wieder im 100 Yen Shop zuzuschlagen. Die Schüsseln dort sind eindeutig schöner, handgemacht (zumindest sehen sie so aus), und den Luxus von rund 0,30 Euro mehr kann sogar ich mir leisten...
Neben einigen Kleinigkeiten, die einfach mitmüssen, habe ich zwei Käufe gemacht, über die ich mich besonders freue: Ich kaufe mir einen schönen, soliden Wok, um endlich zu Hause kochen zu können. Dieser erscheint mir weitaus sinnvoller, als das 3-Pfannen-Set (999 Yen, entpricht rund 8 Euro), von denen ich zwei ohnehin nicht nutzen würde, da 1 Liter und 1,5 Liter wirklich winzig sind. In dem Wok ist genug Platz, um eine Nabe-Party für 4 Leute auszurichten, und mit gerade mal 699 Yen ist er fast geschenkt. Mayumi hat etwas Schwierigkeiten, mich zu verstehen, als ich angesichts des unglaublichen Preis-Leistungsverhältnisses stolz proklamiere: "Dieser Wok kostet nichtmal was!"
Meine wichtigste Errungenschaft des Tages ist der schöne Tisch, den ich mir kaufe, gehalten in dunklem Braun. Das wirkt edel, paßt gut zu meinem Tatami-Zimmer, ist nicht so düster wie die schwarze Version, und wirkt gleichzeitig nicht so billig wie der weiße Tisch. Ich fühle mich wie ein Kind an Weihnachten, als ich den Bausatz in den Wagen lege, nachdem ich nun schon eine ganze Weile darauf spekuliert hatte. Ich greife also noch ein letztes Mal tief - naja, halb-tief - in die Tasche, um die Sachen zu bezahlen, aber freue mich darüber, endlich eine fertig eingerichtete Wohnung zu haben.
Bevor es zurück nach Hause geht, werden noch schnell ein paar obligatorische Ikea-Hotdogs mit übertrieben viel Gurke, Röstzwiebeln und Senf und Ketchup verputzt. Bevor der Shuttle-Bus zurück kommt, bleibt noch Zeit für einen kurzen Abtecher in den Ikea-Süßikeiten-Shop. Die genialen Kekse kosten zwar ein Vermögen und schlagen mit 799 Yen teurer zu Buche als der Wok, aber da dies eine einmalige Gelgeneheit ist, kann ich nicht widerstehen. Mayumi muß auch lachen, als sie sieht, wie ich ohne zu zögern soviel Geld für die Kekse ausgegeben habe, mir vorher bei viel kleineren Beträgen aber noch den Kopf zerbrochen habe. Aber was soll ich machen - bei Süßem werde ich einfach schwach...
Wieder zurück in Namba - habe ich schon erwähnt, daß die Lage meiner Wohnung super ist? - kann ich es kaum erwarten, endlich den Tisch aufzubauen. Von meinem Vermieter konnte ich mir einen Schraubenzieher leihen, den er mir freundlicherweise im Briefkasten hinterlassen hat - ich hatte ihn vorher bereits per SMS gefragt. Schraubenzieher heißt übrigens ねじまわし und ich verzweifle fast an dem Wort. Egal, ich fange an zu schrauben und baue meinen Tisch auf - merkwürdig, ich glaube mich nicht erinnern zu können, mich jemals derart auf ein einfaches Möbelstück gefreut zu haben...
Da steht er nun also in seiner ganzen Schönheit, und ich bin glücklich. Endlich muß ich nicht mehr auf dem Boden arbeiten, und mein Koffer, der bisher als Laptop-Tisch diente, gehört auch der Vergangenheit an und kann endlich im Schrank ausser Sichtweite verschwinden. Damit sollte dann das letzte Gefühl von "Reise" verschwinden, und das "Wohnen" kann beginnen. Wie heißt es auch bei Ikea so schön:
"Schraubst du noch, oder wohnst Du schon?"
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